Vor uns erhebt sich die St.-Jakobus-Konkathedrale – die wichtigste Kirche Allensteins und eines der bedeutendsten gotischen Bauwerke des Ermlands.
Ihr über 60 Meter hoher Turm prägt seit mehr als sechs Jahrhunderten die Silhouette der Stadt. Die mächtigen Backsteinmauern erinnern an das mittelalterliche Allenstein, als die Stadt Teil des katholischen Fürstbistums Ermland war.
Mit diesem Gotteshaus verbindet sich auch die Geschichte des berühmtesten Bewohners Allensteins: Nikolaus Kopernikus. Während seines vierjährigen Aufenthalts auf der Burg in Allenstein lebte und arbeitete er hier als Verwalter der Güter des Ermländischen Domkapitels. Als Kanoniker war er Teil der kirchlichen Gemeinschaft Ermlands und besuchte mit Sicherheit auch diese Kirche. Er war jedoch kein Priester und hielt hier keine Gottesdienste ab. Die Mauern der St.-Jakobus-Kirche standen bereits zu seiner Zeit – und machen den Besuch heute zu einer besonderen Begegnung mit der Epoche des großen Astronomen.
Die Kathedrale hat jedoch auch dramatische Zeiten erlebt. Im Winter 1807, nach den Kämpfen bei Preußisch Eylau, wurden etwa 1.500 russische Kriegsgefangene von französischen Truppen in der Kirche untergebracht. Um sich vor der eisigen Kälte zu schützen, verbrannten die Gefangenen fast die gesamte hölzerne Ausstattung: Bänke, Beichtstühle und Teile der Kanzel. Als kein Holz mehr vorhanden war, entzündeten sie Feuer direkt auf dem Kirchenboden. Die Hitze beschädigte das Innere so stark, dass später Teile des Gewölbes einstürzten und eine umfassende Restaurierung notwendig wurde.
Ein weiteres dramatisches Kapitel schrieb das Jahr 1945. Als die Rote Armee Allenstein einnahm, gingen große Teile der Altstadt in Flammen auf. Die St.-Jakobus-Kirche blieb jedoch erhalten. Nach einer lokalen Überlieferung spielte dabei der damalige Pfarrer eine wichtige Rolle: Er soll sowjetische Soldaten davon überzeugt haben, die Kirche nicht anzuzünden. Ob alle Einzelheiten dieser Geschichte historisch eindeutig belegt sind, lässt sich heute nicht mehr vollständig nachweisen – sicher ist jedoch, dass die Kirche als eines der wichtigsten historischen Gebäude der Stadt den Krieg überstand.
Noch vor dem Zweiten Weltkrieg war die Kirche eng mit dem Komponisten Feliks Nowowiejski verbunden, der hier als Organist tätig war. Er gehörte zu den bedeutendsten polnischen Komponisten des 20. Jahrhunderts und schuf Werke, die bis heute einen besonderen Platz in der polnischen Kultur einnehmen. Seine bekannteste Komposition ist die Melodie „Rota“, die zu einem der wichtigsten patriotischen Lieder Polens wurde.
Nowowiejski war tief mit dem Ermland verbunden und trug dazu bei, dass Allenstein auch ein wichtiger Ort der polnischen Musiktradition wurde. Seine Verbindung mit der St.-Jakobus-Kirche erinnert daran, dass dieses Gotteshaus nicht nur ein Ort des Glaubens, sondern auch ein Ort der Kultur und Musikgeschichte ist.
Ein besonderer Schatz im Inneren der Kirche ist das fast fünf Meter hohe Kruzifix aus dem Jahr 1680. Besonders interessant ist dabei eine historische Besonderheit: Dieses Werk für eine katholische Kirche wurde von einem evangelischen Künstler geschaffen. Es zeigt einmal mehr die besondere Geschichte des Ermlands – einer katholischen Region, die über Jahrhunderte von protestantischen Gebieten umgeben war und dennoch kulturelle Verbindungen über die Konfessionsgrenzen hinweg pflegte.
Ein weiteres ungewöhnliches Kunstwerk befindet sich in einer Seitenkapelle: ein Kerzenleuchter in Form eines Hirschkopfes mit mächtigem Geweih.
Mit diesem Hirsch verbindet sich eine alte Legende: Einst wurde ein verletzter Hirsch während einer Jagd durch die Straßen Allensteins verfolgt. In seiner Verzweiflung suchte das Tier Schutz und floh in die Kirche. Dort soll es bis vor den Altar gelaufen sein, wo es schließlich zusammenbrach und starb. Die Einwohner deuteten dieses Ereignis als ein Zeichen und schufen zum Gedenken den Hirschkopf, der bis heute eines der bekanntesten Symbole der Kathedrale ist.
Einer anderen Version der Legende zufolge besitzt der Hirschkopf eine magische Kraft. Wenn ein untreuer Ehemann unter ihm hindurchgeht, dreht der Hirsch den Kopf und beobachtet ihn aufmerksam. Ob das wirklich stimmt? Das wissen wir nicht. Aber wenn Ihnen auffällt, dass jemand aus der Gruppe diese Stelle besonders schnell passiert, sollten Sie vielleicht aufmerksam werden …
Ein besonderer Moment in der jüngeren Geschichte der Kirche war der Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1991. Während seiner Reise durch Polen besuchte er Allenstein und feierte hier einen Gottesdienst. Die Kirche erhielt auch den Rang einer Konkathedrale der Erzdiözese Ermland – eine Anerkennung ihrer besonderen historischen und religiösen Bedeutung.
Heute ist die St.-Jakobus-Konkathedrale nicht nur ein Ort des Gebets, sondern auch ein lebendiges Kulturzentrum. In den Sommermonaten erklingen hier die Feliks-Nowowiejski-Orgelkonzerte, die Musikliebhaber aus Polen und dem Ausland anziehen.