Nun stehen wir in der Klosterkirche. Sie ist einer der größten, beeindruckendsten und feierlichsten Orte des Klosters. Hier feiern die Schwestern regelmäßig Gottesdienste und kommen zum gemeinsamen Gebet zusammen. Auch ich, die kleine Klostermaus, bin hier oft unterwegs – natürlich ganz leise, denn dieser Ort liebt die Ruhe.
Wenn ihr nach vorne schaut, seht ihr links und rechts im vorderen Bereich der Kirche zwei Glaskästen. Darin befinden sich die Reliquien. Das sind Überreste von heiligen Menschen. Diese Reliquien stammen aus den Calistuskatakomben in Rom und sind im Jahr 1772 nach St. Marienthal gekommen. Es handelt sich um die Reliquien des heiligen Germanius und des heiligen Decentius.
Unter dem Altar sind ebenfalls Knochen dieser beiden Heiligen eingelassen. Auf den Bildern im Audioguide könnt ihr sie genauer ansehen. Ich weiß, das klingt vielleicht ein bisschen geheimnisvoll, aber für die Schwestern sind diese Reliquien ein Zeichen der Nähe zu den Menschen, die schon vor langer Zeit an Gott geglaubt haben.
Doch wie kamen die Reliquien eigentlich hierher? Nach einem Erdbeben wurde der Eingang zu den Calistuskatakomben freigelegt. Man hatte Angst, dass Grabräuber die Reliquien stehlen könnten. Deshalb erwarb der Bruder der damaligen Äbtissin die Reliquien und brachte sie nach St. Marienthal, damit sie hier einen sicheren und würdigen Ort bekamen.
Als die Reliquien im Kloster ankamen, waren es nur Knochen und Schädel. Die Schwestern machten sich an die Arbeit und umhüllten jede einzelne Reliquie in sorgfältiger Handarbeit mit kunstvoll gestaltetem Stoff. Ich habe dabei oft zugeschaut – so ruhig und geduldig können selbst Mäuse kaum arbeiten.
Über den Kirchenbänken befindet sich der Schwesternchor. Von dort aus sprechen die Schwestern viele ihrer täglichen Gebete. Sie beten nicht nur für sich selbst, sondern für alle Menschen. Auch Besucher dürfen hier still werden und an Menschen denken, die ihnen wichtig sind. Ich sitze dann gern irgendwo ganz oben und höre zu.
Die Klosterkirche ist ein Ort, an dem man zur Ruhe kommen kann. Man darf sich hinsetzen, alles auf sich wirken lassen und über das eigene Leben nachdenken. Für Schwester Franziska ist dieser Raum ein Ort, an dem man noch einmal ganz bewusst still werden kann.
Viele Menschen zünden hier auch eine Kerze an. Sie tun das, wenn sie an jemanden denken oder ein persönliches Anliegen im Herzen tragen. Neben den Kerzen steht die Schmerzensmutter, die Pietà. Sie erinnert daran, dass man Sorgen und auch Schmerz hier lassen darf.
Außerdem gibt es ein Fürbittbuch. Darin können Besucher ihre Gedanken aufschreiben. Die Schwestern nehmen diese Bitten mit in ihr Gebet. So bleibt die Klosterkirche ein Ort der Stille, des Vertrauens und der Hoffnung – für Menschen und für kleine Klostermäuse wie mich.