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Elektrotechnik von Weltrang: Die Gleichstromübertragung von 1882

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Elektrotechnik von Weltrang: Die Gleichstromübertragung von 1882

Quellen

Beschreibung des Versuchs aus von Millers Erinnerungen an die Internationale Elektrizitäts-Ausstellung

„Der Versuch wurde [zuerst] abends 11 Uhr nach Schluß der Ausstellung ausgeführt, um ein etwaiges Versagen, einen Mißerfolg, nicht allzu offenkundig werden zu lassen. Die Aufforderung, die Maschine in Betrieb zu setzen, erfolgte mit einem gewöhnlichen Kaffeemühlen-Telegraf. Die Spannung war eine außerordentliche. Plötzlich fing der Motor an, sich zu drehen, immer schneller, immer schneller, und der Wasserfall, den der Motor betreiben sollte, kam in Betrieb. Die Überraschung kann sich heute niemand mehr vorstellen. M a r c e l D e p r e z war so freudig erregt, daß er mir um den Hals fiel und mir einen Kuß gab. Ich forderte alle auf, zu einem Glas Champagner in die Restauration zu gehen, und Professor v o n B e e t z sandte ein Telegramm an die Akademie der Wissenschaften, in welchem mit dem Glückwunsch der Überzeugung Ausdruck gegeben wurde, daß damit für die Entwicklung der Elektrotechnik und für die Ausnützung der Naturkräfte ein Schritt von weittragender Bedeutung gemacht worden sei.“

(Von Miller, Oskar. Erinnerungen an die Internationale Elektrizitäts-Ausstellung im Glaspalast zu München im Jahre 1882 (Deutsches Museum: Abhandlungen und Berichte 6). Berlin 1932: S. 15f.)

Gedenkstein-Inschrift

„Im Oktober 1882 wurde hier
anlässlich der Internatio
nalen Elektrizitätsausstell
ung von Miesbach nach München
erstmals in der Welt eine
Kraftübertragung mit hoch
gespannten Strömen durch
geführt. Die Schöpfer des
Werkes Oscar v. Miller und
Marcel Deprez bahnten da
mit den Weg zur Ausnützung
entlegener Energiequellen
Der Verband deutscher Elektro
techniker im September 1952
Leitung Telegraphendraht
2 x 57 km Spannung. 1350
bis 2000 Volt Gleichstrom“

Zeitungsartikel aus dem Miesmacher Anzeiger

„Miesbach, 28. Sept. Der Versuch, die elektrische Kraft auf weite Entfernungen zu übertragen, hat sich vorgestern Abend in der Elektrizitäts-Ausstellung in München glänzend erprobt. An jenem Abend wurde zum erstenmale vom hiesigen Maschinenhause des Bergwerkes aus die Kraft einer 2pferdigen Dampfmaschine auf elektrischem Wege durch 2 gewöhnliche Telegraphendrähte nach München übertragen und die dort aufgestellte Dreschmaschine in Bewegung gesetzt. Die Messungen ergaben, daß zwar 70 Proz. der gefaßten Kraft unterwegs verloren gingen immerhin aber noch ein Nutzeffekt von circa ½ Pferdekraft erzielt wurde, im Hinblick auf die weite Entfernung (55 Kilometer) ein überraschendes Resultat, daß bei Benützung von Kupfer- oder stärkerem Eisendraht anstatt der gewöhnlichen Telegraphenleitung nach dem Urtheile von Fachleuten jedenfalls noch günstiger ausgefallen wäre. – Die Einrichtung der elektrischen Beleuchtung mit Edison’schen Glühlichtlampen in den Bureau- und Stuben-Gebäuden der Oberbayer. Actiengesellschaft für Kohlenbergbau dahier geht noch im Laufe dieser Woche ihrer Vollendung entgegen und somit hat Miesbach wie wenige und dies nur größere Plätze den Vorzug, diese großartigen Errungenschaften des menschlichen Geistes in ihrer praktischen Anwendung verwirklicht zu sehen.“

(Miesbacher Anzeiger 115/8 (29.09.1882): S.1)

Literaturhinweise

Bähr, Johannes und Paul Erker. NetzWerk: Die Geschichte der Stadtwerke München. München / Berlin / Zürich 2017.

Dittmann, Frank. „Die Internationale Elektrizitäts-Ausstellung in München 1882.“ In: Ders. (Hrsg.). Überwindung der Distanz: 125 Jahre Gleichstromübertragung Miesbach-München: 125 Jahre elektrische Energieübertragung: Beiträge der Veranstaltung des VDE-Ausschusses ‘Geschichte der Elektrotechnik’ vom 12. bis 14. September 2007 im Deutschen Museum, München (Geschichte der Elektrotechnik). Berlin 2011: 15–56.

Dittmann, Frank. „Die Internationale Elektrizitäts-Ausstellung in München 1882.“ In: Technik in Bayern 6 (2007): 13–40.

Kretschmer, Winfried. Geschichte der Weltausstellungen. Frankfurt / New York 1999.

Lehmhaus, Friedrich. Von Miesbach-München 1882 zum Strom-Verbundnetz (Deutsches Museum: Abhandlungen und Berichte 51,3). München / Düsseldorf 1983.

Zängl, Wolfgang. Deutschlands Strom: Die Politik der Elektrifizierung von 1866 bis heute. Frankfurt / New York 1989.

Verbindungen zu anderen Stationen

Prestigeobjekt aus Glas und Stahl: Der Münchner Glaspalast – Diese Station informiert über den Ort, an dem der elektrotechnische Versuch ausgeführt wurde, und seine eigene globalhistorische Bedeutung.

Symbol deutsch-französischer Freundschaft: Der Gedenkstein zur Gleichstromübertragung – Hier erfahren Sie etwas über die Erinnerung an die erste Gleichstromübertragung und etwas darüber, was diese Erinnerung mit internationalen Beziehungen zu tun hat.

Die Bedeutung des Lokalen im Globalen: Das zweite Miesbacher Denkmal – Auch bei dieser Station geht es um die Erinnerung an die erste Gleichstromübertragung, aber auch um die Spannung zwischen lokaler und globaler Bedeutung.

Stationstext zum Nachlesen

Ein Leben ohne Elektrizität ist heutzutage kaum vorstellbar. Selbst in Stadtparks wie dem Alten Botanischen Garten ist die Elektrizität unser steter Begleiter. Vielleicht sind Sie mit der elektrischen Tram zum Stachus oder Hauptbahnhof gefahren, um hierher zu gelangen, und für diese Tour nutzen Sie Ihr Mobiltelefon. Die Verbindung des Alten Botanischen Gartens mit der Elektrizität geht weit zurück: Hier nämlich fand die erste Übertragung von Elektrizität über eine längere Strecke statt. Den Versuch hatte der Münchner Ingenieur Oskar von Miller für die Internationale Elektrizitätsausstellung 1882 erdacht. Heute erinnert daran nur noch der 1952 aufgestellte Gedenkstein. Wo er steht, stand damals ein großer Glaspalast, den von Miller als Ort für die Ausstellung gewählt hatte. Die internationale Ausstellung sollte Pioniere der modernen Technik aus aller Welt nach München bringen und die Gleichstromübertragung sollte Fachpublikum und Laien gleichermaßen beeindrucken.

Die Bedeutung des Versuchs betonte von Miller auch in seiner Erinnerungsschrift. Darin schreibt er:

„Der Versuch wurde [zuerst] abends 11 Uhr nach Schluß der Ausstellung ausgeführt […] Plötzlich fing der Motor an, sich zu drehen, immer schneller, immer schneller, und der Wasserfall, den der Motor betreiben sollte, kam in Betrieb. Die Überraschung kann sich heute niemand mehr vorstellen […] Professor von Beetz sandte ein Telegramm an die Akademie der Wissenschaften, in welchem […] der Überzeugung Ausdruck gegeben wurde, daß damit für die Entwicklung der Elektrotechnik und für die Ausnützung der Naturkräfte ein Schritt von weittragender Bedeutung gemacht worden sei.“


Die Idee zur Internationalen Elektrizitätsausstellung in München war von Miller bei einer ähnlichen Ausstellung in Paris gekommen, die er im Jahr zuvor besucht hatte. Weltweit arbeiteten damals Techniker und Wissenschaftler an den neusten Entwicklungen im Bereich der Elektrizität. Sie nutzen internationale Ausstellungen, um sich auszutauschen und um für die Förderung ihrer Projekte und Produkte zu werben. Zugleich konkurrierten die Austragungsorte um internationales Prestige und wirtschaftlichen Profit.

Die Welt des 19. Jahrhunderts war so vernetzt wie nie zuvor in der Geschichte. Neue Technologien wie das Dampfschiff, die Eisenbahn oder die Telegrafie - in der Elektrizität bereits eine praktische Anwendung fand - machten einen Austausch über lange Distanzen praktikabel. Das galt auch für den Bereich von Wissenschaft und Forschung. Wissenschaftler und Ingenieure aus verschiedensten Ländern arbeiteten an großen Projekten zusammen. So hatte von Miller für den geplanten Höhepunkt der Ausstellung den französischen Physiker Marcel Déprez gewinnen können. Zum Betreiben eines künstlichen Wasserfalls im Zentrum des Glaspalastes sollte Strom mit hoher Spannung über eine bisher nicht mögliche Distanz transportiert werden. Über Telegrafendrähte wurde der Strom entlang der Eisenbahnlinie aus dem oberbayerischen Miesbach über fast 60 km nach München übertragen. Über das Gelingen des Versuchs war Déprez so erfreut, dass, so von Miller, „er mir um den Hals fiel und mir einen Kuß gab.“ Obwohl der Wirkungsgrad gering war, war das Spektakel ein Erfolg. Wirtschaftlich war die Stromübertragung also noch nicht, aber die Machbarkeit war bewiesen und in München träumte man bereits davon, Wasserkraft aus entlegenen Alpenregionen für die bayerischen Städte nutzbar zu machen.


Im Vorlauf zur Internationalen Elektrizitätsausstellung in München hatte der zuständige bayerische Regierungspräsident von Miller erklärt, die Regierung von Oberbayern ginge die Elektrizität nichts an. Von Miller wollte das ändern und München zur Vorreiterstadt bei der Elektrifizierung machen. Doch während die Politik infolge der Ausstellung einen neuen Blick auf das Potential und die Prestigeträchtigkeit der städtischen Elektrifizierung bekam, beharrte die Münchner Gasbeleuchtungsgesellschaft auf ihr Monopol in der Stadtbeleuchtung. Erst mit Inbetriebnahme des Muffatwerks 1894 (das heute als Konzerthalle dient) begann die öffentliche Elektrizitätsversorgung der Stadt München. Bis heute stammt die Energie nicht zuletzt aus zahlreichen Wasserkraftwerken in der Region – möglich wurde dies durch die heute allgegenwärtige Übertragung von Strom über lange Strecken. 


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